Die Arbeiten von Nadia Kaabi Linke beziehen sich sowohl auf Orte als auch auf ihre Geschichten, sie sind nicht nur orts- sondern auch zeitspezifisch. Ihre Installationen und Objekte, aber auch die flachen Bildwerke stehen in einer Konstellation zu kulturellen und historischen, sozialen und politischen Kontexten, sie spielen mit der Besonderheit von bestimmten Schauplätzen und der Gleichzeitigkeit ortsübergreifender Geschehnisse. Da ihre künstlerische Praxis in urbanen Lebensräumen operiert, also dort wo kollektive Phänomene und individuelle Praktiken sich kreuzen und globale Horizonte in lokale Ereignisse eingreifen, visualisieren ihre Werke soziale und psychologische Themen. Sie geben Mechanismen des Erinnerns und Vergessens wieder, lassen Wahrnehmungsstrukturen und bestimmte gesellschaftliche und kulturelle Muster von politischen oder sexuellen Zuschreibungen erkennbar werden, oder sie verfolgen auf indirekten Wegen die eigenen und fremden Konstruktionen geographischer und kultureller Identitäten. Damit bringt sie die Verzahnung von öffentlichen Codes und persönlichen Erfahrungen, Medialem und Imaginärem, Mitteilbarem und Unausprechlichem zum Ausdruck.
Während ihre Medien und Ausdrucksformen wechseln wird ihre künstlerische Arbeit vom ein und dem selben Motiv durchzogen: einer Archäologie der Gegenwart, die freilegt was die Vergangenheit überlebt hat. Indem die Spuren von einst Gewesenem und jüngst Vergangenem nachgezeichnet werden, wird in Bildern festgehalten, wie wirkliche Zeit sich in sozialen Praktiken konkretisiert und in leiblichen Erfahrungen verkörpert. Man kann sagen, dass es in Nadia Kaabi Linkes Konstruktionen vor allem darum geht, jene ursprüngliche Stumpfheit, Rohheit und Fremdheit wiederherzustellen, die an dem, was uns als Unauffälliges und Geläufiges vertraut ist, nicht mehr wahrgenommen wird. Dazu kombiniert sie Alltagsgegenstände mit technischen und künstlerischen Medien, Artefakte, Symbolformen und Bedeutungen.
Da sie dabei von populären und alltäglichen Elementen und Gegebenheiten im öffentlichen Raum Gebrauch macht, könnte man geneigt sein, ihren Ansatz in der Tradition zu Pop-Art oder zur klassischen ortspezifischen Kunst zu sehen. Sicher haben diese Bewegungen – die sich einander gewiss nicht nahe stehen – auch Kaabi Linkes Methoden inspiriert. Ihre Werke unterscheiden sich aber von beiden Stilrichtungen durch ihren starken konzeptuellen Anspruch an die verwendeten Materialien und Objekte. Vor allem zeichnet eine eigenartige performative Kraft ihre Arbeit aus, die von Kaabi Linkes aktivem und konstruktivem Gebrauch verstörender Widersprüche herrührt: Schönheit und Gewalt, Feinheit und Brutalität, Erhabenheit und Vulgarismus spielen in ihren Werken auf kritische Weise zusammen und indizieren ein unterschwelliges, doch recht ausdrucksstarkes Produktionsprinzip. Kaum ein Aphorismus vermag es präziser in Worte zu fassen als die Inschrift auf Walter Benjamins Grabstein: „Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein.“ Die Wahrheit dieses Ausspruchs ist so schockierend wie geheimnisvoll, sie durchzieht die ganze Menschheitsgeschichte und bezeugt ihre grausame und durchtriebene Realität. Sie liegt unterhalb von Bewusstsein und Gewohntem und mitunter erscheint sie, in dem Maße als sie als Wirklichkeit ernst genommen werden will, auch seltsam und komisch. Wie man sich dieser konkreten Zeit auf konstruktive Weise nähern kann, das zeigen die Arbeiten von Nadia Kaabi Linke.


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