In ihrer ersten Einzelausstellung in Europa präsentiert Tiffany Chung ein Werkensemble, das durch seine mediale Vielfalt und thematische Stringenz überzeugt. Die Ausstellung der Künstlerin, die zu den prominentesten Vertretern der zeitgenössischen Kunst Vietnams zählt, umfasst Zeichnungen, Fotografien, Videoarbeiten, Skulpturen sowie eine installative Arbeit. Vielschichtig thematisiert Tiffany Chung darin die sozialen, kulturellen und räumlichen Veränderungen im heutigen Vietnam, die mit der ökonomischen Entwicklung des Landes einhergehen.
Diese Veränderungen vergleicht die in Vietnam geborene Künstlerin, die viele Jahre in den USA verbrachte und seit einigen Jahren wieder in ihrem Geburtsland lebt, mit den US-amerikanischen Vorstellungen von Modernität, wie sie das Gesicht von Städten nicht nur in den USA, sondern mittlerweile auch in einigen asiatischen Ländern prägen. So paart sie beispielsweise die beiden großformatigen Zeichnungen 1°40’N 1°36’S 89°16’E 92°01’W und 34°03’N 118° 15’W – 1934 (beide 2009) miteinander. Die Zeichnungen gehören zu einer Serie von Landkartenübermalungen, an der Tiffany Chung seit zwei Jahren arbeitet. Abgezeichnete Stadt-, Bebauungs- oder U-Bahn-Pläne überzieht sie mit bunten Markern in minutiöser Feinarbeit mit Schichten filigranster Strukturen. Während es sich bei der erstgenannten Arbeit um die Übermalung eines bis ins Jahr 2020 vorausschauenden Bebauungsplanes von Ho-Chi-Minh-Stadt handelt, diente als Vorlage für die zweite Arbeit ein Stadtplan von Los Angeles aus dem Jahr 1934. In dem die Ausstellung begleitenden Katalog schreibt die Kunstkritikerin Ulrike Münter: „Für das trügerische Versprechen, dass eine kritiklose Annäherung an internationale Lebensstandards zwangsläufig mit einer höheren Lebensqualität einhergehe, wählt die Künstlerin die ästhetische Entsprechung einer sich flächendeckend ausbreitenden Musterflechte. [...] Parasitär profitieren die Sporengewächse von fremden Pflanzen und greifen in Organismen ein. Mit einer ähnlichen Dominanz vereinnahmen sich ausbreitende Großstädte Vororte sowie das Umland und zerstören auf diese Weise gewachsene soziale Gefüge.“ (S. 26/27)
Die leuchtenden Farbfelder der Zeichnungen, die den Blick auf die darunterliegenden Stadt- und Bebauungspläne verhindern, finden ein Echo in der Installation Signs-Sites-Sights-Sighs (2009). Ein dichtes Gewirr aus signalfarbenen Straßenschildern, die Tiffany Chung in Ho-Chi-Minh-Stadt und anderen Städten Asiens vorgefunden und nachgebaut hat, verstellt den Blick in den Raum. So vermitteln sie einen Eindruck von der Kakophonie der Verbote, Vorschriften und Warnungen, die mit der rasend schnellen Verstädterung des Landes, mit der unablässigen De- und Rekonstruktion von Lebensräumen einhergehen mag. In ihrer Anordnung lassen die Straßenschilder zynischerweise entfernt an jene Baumgruppen denken, die dem Ausbau der Städte zum Opfer fallen.
Die Arbeit Coniferenoki Tree – Share the Wonder (2009) greift den Gedanken der schwindenden Natur offenkundiger auf. Der comicartige Baum aus weißem Plastik, Latex und grünem Plüsch erinnert nur noch im Entferntesten an ein organisches Gewächs. Es handelt sich dabei um ein Requisit aus Tiffany Chungs bissig-satirischer Science-Fiction-Live-Action-Serie Enokiberry Tree in Wonderland (2008). Episode 3 dieser Serie handelt u.a. von drei Gentechnikern mit der geheimen Mission, neben allerlei hybriden Kunstgeschöpfen auch neue Baumarten zu züchten.
Den Gentechnikern begegnen wir auf zweien der in Berlin ausgestellten Fotografien. Die Serie zeigt ausgewählte Szenen aus der dritten Episode von Enokiberry Tree in Wonderland, doch können die Fotos auch unabhängig von der Live-Action-Serie betrachtet werden. Tiffany Chung verknüpft darin aktuelle popkulturelle Elemente (die Szenen werden von jungen Cosplayern nachgestellt) mit der Bildsprache kommunistischer Propagandamalerei (die Posen sind historischen Arbeiterbildern entlehnt). Somit lenkt sie den Blick auf den fließenden Übergang von einem totalitären System zum anderen – vom Kommunismus zum Konsumismus. Junge Sales-Promoterinnen sind hier die ‘Arbeiterinnen’ der neuen Generation, ihr ‘Werkzeug’ ist das Megaphon. Aufgrund ihrer politischen Brisanz ist es unwahrscheinlich, dass die Fotos in Vietnam ausgestellt werden können.
In den beiden in Berlin gezeigten Videos zeichnet sich eine neue Richtung im Schaffen Tiffany Chungs ab. Im Gegensatz zu den stilisierenden, bonbonfarbenen Installationen, Fotos und Performances, die von der Pop-Art und dem japanischen Neo-Pop inspiriert scheinen, sind die Filme visuell zurückgenommener und von einem melancholischen Grundton geprägt. Across the sea of dust (2009) reflektiert in wenigen, ruhigen Einstellungen über die seelischen Befindlichkeiten junger Migranten, die im Zuge der Globalisierung an keinem Ort mehr recht zuhause zu sein scheinen. Das Video wurde mit asiatischen Schauspielern gedreht, die in Norwegen oder Japan geboren und aufgewachsen sind und nun in Vietnam leben. Land of Ahhs (2009) erzählt zunächst von der Gründung und dem rasanten Wachstum der Stadt Los Angeles in den letzten 100 Jahren, um dann aus der Perspektive einer Bewohnerin das Leben darin zu beschreiben. So bietet der Film eine Art Synopsis der in dieser Ausstellung aufgefächerten Themen.
FINDING GALÁPAGOS: fish, pigs, youngsters,
old folks, men, women and
the Black Canals (not in any particular order)
31. OKTOBER – 6. DEZEMBER 2009